«Schlussendlich ist man bei unseren Patientinnen mit dem Bauchgefühl.» : Begleitung und Vernetzung belasteter Familien rund um die Geburt durch medizinische Fachpersonen
Psychosoziale Belastungen können sich bereits während der Schwangerschaft, der Geburt oder des Wochenbetts negativ auf die kindliche Entwicklung auswirken. Belastete Familien sollten deshalb möglichst früh erkannt werden. In der Schweiz werden Familien rund um die Geburt von verschiedenen medizinischen Fachpersonen betreut. Ihr Potenzial bezüglich der familienzentrierten Vernetzung wurde erkannt, bis jetzt ist es jedoch noch nicht gelungen, die Berufsgruppen rund um die Geburt genügend in die Netzwerke der frühen Förderung einzubinden. Da noch wenig darüber bekannt ist, wie medizinische Fachpersonen belastete Familien erkennen, begleiten und vernetzen können und wie sich ihre Sicht auf die familienzentrierte Vernetzung präsentiert, zeigt sich hier ein Forschungsbedarf. Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurden drei Pflegefachpersonen aus dem stationären Wochenbett im Spital, zwei freiberuflich tätige Hebammen sowie eine niedergelassene Fachärztin Gynäkologie und Geburtshilfe befragt. Die leitfadengestützten Interviews wurden mit einer inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass medizinische Fachpersonen je nach ihrem beruflichen Hintergrund und Arbeitsumfeld in der Erkennung und Begleitung belasteter Familien unterschiedlich vorgehen. Sie folgen öfters ihrer subjektiven Wahrnehmung und arbeiten eher weniger mit strukturierenden Assessment-Instrumenten. Medizinische Fachpersonen im stationären Setting vernetzen sich eher intern und schätzen ihr Wissen über externe Netzwerke als eher gering ein. Die freiberuflichen Hebammen sowie die Mütter- und Väter-beratung werden von den medizinischen Fachpersonen als wichtigste externe Vernetzungspartnerinnen resp. -partner angesehen. Den Hebammen wird eine spezifische Gatekeeper-Funktion innerhalb der familienzentrierten Vernetzung zugeschrieben. Fehlende Strukturen und Wissenslücken hindern die befragten medizinische Fachpersonen daran, ihre Vernetzungsrolle wahrzunehmen. Daraus folgt die Schlussfolgerung, dass die Akteurinnen und Akteure rund um die Geburt interessiert sind, ihre Rolle innerhalb des familienzentrierten Netzwerkes zu übernehmen, jedoch unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen an die Vernetzung bestehen. Es braucht daher passgenaue Angebote für die jeweiligen Berufsgruppen. Ein Netzwerkmanagement könnte medizinische Fachpersonen in der Entwicklung bedürfnisorientierter Netzwerkaktivitäten unterstützen.
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