Inklusion im Lehrerzimmer? : Lehrpersonen mit ADHS

Seit die Schweiz 2014 der UNO-Behindertenrechtskonvention beigetreten ist, wird der Ruf nach Chancengerechtigkeit in Bildung und am Arbeitsmarkt und somit nach Inklusion immer grösser. Da im Bildungswesen bisher nur Schüler:innen im Zentrum standen, stellt sich die Frage, wie eine Inklusion auch für Lehrpersonen gelingen kann. Das Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, welche Herausforderungen und Ressourcen Lehrpersonen mit ADHS in ihrem beruflichen Alltag wahrnehmen und wie sie damit umgehen. Daraus können später mögliche Massnahmen für die Unterstützung dieser Lehrpersonen entwickelt werden. Dazu wird die folgende Forschungsfrage gestellt: „Wie gehen Lehrpersonen mit ADHS mit ihren Anforderungen im schulischen Arbeitsumfeld um?“ Um diese Forschungsfrage zu beantworten, wurde ein problemzentriertes Interview durchgeführt. Dabei wurden zwei Lehrpersonen mit einer ADHS-Diagnose über ihre Strategien und Wahrnehmungen im Umgang mit ADHS in ihrem Berufsalltag interviewt und die Tonaufnahmen des Interviews anschliessend transkribiert. Die Transkripte wurden anhand der Grounded Theory in einem theoriebildenden Verfahren ausgewertet. Deutlich wurde dabei, dass besonders organisatorische Aufgaben, Reizüberflutung, Angst vor Stigmatisierung und Konzentrationsschwierigkeiten Herausforderungen der Befragten waren. Im Umgang mit diesen Herausforderungen zeigten sich individuelle Coping-Strategien. Beide Befragten legten, aus Sorge vor negativen Reaktionen, ihre Diagnose in der Schule nicht offen. Zudem half es ihnen, sich bewusst mit ihrer Diagnose auseinanderzusetzen, um so ein besseres Selbstbild zu erhalten. Im Umgang mit Reizüberflutung und Konzentration zeigte sich eine klare zeitliche und räumliche Abtrennung von Arbeit und Freizeit als wirkungsvoll. Beide interviewte Personen zeigten eine deutliche intrinsische Motivation ihrem Beruf gegenüber, vor allem bei der Interaktion mit Schüler:innen und dem Unterrichten. Hier hatten sie das Gefühl, durch ein ausgeprägtes Verständnis für die Probleme der Schüler:innen diese besser unterstützen und fördern zu können. Insgesamt würden sich beide mehr systemische Unterstützung durch Entlastung bei organisatorischen Aufgaben und Planung sowie durch die Förderung eines toleranten und aufgeklärteren Umfeldes wünschen. Durch die Ergebnisse kann abgeleitet werden, dass Lehrpersonen mit ADHS vermutlich unzureichende Unterstützung erhalten. Ursachen scheinen hier vor allem fehlende Ressourcen und mangelnde Aufklärung zu sein. Ausserdem zeigt sich, dass durch eine Inklusion auch Ressourcen der Lehrpersonen mit ADHS, wie beispielsweise die ausgeprägte Empathie für Schüler:innen, genutzt werden könnten. So könnte eine stärkenbasierte und engere Zusammenarbeit im Schulhausteam möglich werden. Offen ist noch, welche Auswirkung eine Offenlegung der Diagnose im Schulumfeld hat, da beide Befragten diese nicht preisgaben. Insgesamt braucht es noch mehr und differenzierte Forschung in diesem Bereich, um ein umfassendes Bild zu erhalten, wie Lehrpersonen mit ADHS oder anderen Beeinträchtigungen unterstützt werden können.

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