Veränderung der feinmotorischen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schüler in den letzten 10 Jahren
Die vorliegende Bachelorarbeit befasst sich mit der Veränderung der feinmotorischen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern im Primarschulalter über die letzten zehn Jahre. Verortet im Forschungsfeld der pädagogischen Entwicklungs- und Unterrichtsforschung, geht die Arbeit der zentralen Fragestellung nach, wie sich diese feinmotorischen Kompetenzen im zeitlichen Verlauf verändert haben, woran diese Veränderungen im Fachbereich Textiles Gestalten erkennbar sind und welche pädagogischen Massnahmen Lehrpersonen daraufhin ergreifen. Zur Beantwortung der Fragestellung wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt. Mittels leitfadengestützter Experteninterviews mit zwei erfahrenen Fachlehrpersonen für Textiles Gestalten wurden subjektive Wahrnehmungen, Erfahrungen und Einschätzungen erhoben. Die Auswertung erfolgte anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, wobei induktiv Kategorien gebildet wurden. Die Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild: Während eine Lehrperson von einem deutlichen Abbau feinmotorischer Grundfertigkeiten berichtet, sieht die andere eher eine Verlagerung feinmotorischer Fähigkeiten. Weg von traditionellen Handarbeitstechniken hin zu digital geprägten Bewegungsabläufen. Beide betonen jedoch, dass viele Kinder bei klassischen feinmotorischen Aufgaben wie Schneiden, Nähen oder Einfädeln zunehmend Schwierigkeiten zeigen. Gleichzeitig fehlt häufig Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz. Lehrpersonen reagieren auf diese Entwicklungen mit unterschiedlichen pädagogischen Strategien. Während eine eher vereinfachte Aufgabenformate nutzt, setzt die andere auf differenzierten Unterricht, digitale Unterstützung (z. B. Erklärvideos) und individuelle Begleitung. Als Ursachen für die Veränderung werden insbesondere die zunehmende Bildschirmzeit, veränderte familiäre Alltagspraxis sowie curriculare Einschränkungen (z. B. reduzierte Lektionenzahl im Lehrplan 21) genannt. In der Diskussion werden diese Ergebnisse in bestehende theoretische Diskurse zur motorischen Entwicklung, Digitalisierung und Unterrichtsgestaltung eingebettet. Die Arbeit zeigt auf, dass feinmotorische Veränderungen nicht isoliert schulisch erklärbar sind, sondern Ausdruck umfassender gesellschaftlicher Transformationsprozesse darstellen. Daraus ergibt sich ein hoher Anspruch an die pädagogische Diagnostik und Differenzierung im Unterricht, um allen Kindern einen Zugang zu handwerklich-gestalterischem Lernen zu ermöglichen. Dabei ist zu beachten, dass die empirische Grundlage mit nur zwei Interviews begrenzt ist. Die gewonnenen Erkenntnisse verstehen sich daher als explorative Einblicke in ein komplexes Phänomen. Weiterführende Forschung sollte auf einer breiteren Datenbasis aufbauen und durch ergänzende methodische Perspektiven, etwa durch Beobachtungen im Unterricht oder standardisierte Erhebungen, ergänzt werden, um ein vertiefteres und belastbareres Bild der Entwicklungen zu ermöglichen.